Texte und Quellen

Auszüge aus dem "Tagebuch des Krieges" von Adrien Larousserie

Nach seiner Gefangennahme im September 1917 war Adrien Larousserie zunächst im Gefangenenlager Dülmen. Im November 1917 wurde er dann dem Güstrower Lager zugeteilt und im Januar 1918 zum Arbeitseinsatz zur Erzlöschstelle Schlutup bei Lübeck verlegt, wo er bis Kriegsende blieb.

13. November 1917:

Wir verlassen das Lager Dülmen, um zum Lager Güstrow in Mecklenburg zu fahren. Wir fahren um 4 Uhr mit dem Zug vom Bahnhof Dülmen....Ich hatte auf dem Weg von Dülmen nach Güstrow eine Mahlzeit und wir kamen um 14 Uhr im Camp an. Bei der Ankunft am Bahnhof Priemerburg , 2 km vom Camp entfernt, bekamen wir ein Stück Brot. Am nächsten Tag mussten wir uns versammeln zum durchzählen und zur Desinfektion. Einmal nackt schnitten sie uns die Haare kurz.  Danach bekamen wir eine Art Mischung aus Schwarzpulver und Wasser aus einer großen Wanne mit einem Stück Holz unter die Arme und rund um die Kugeln und  den Arsch geschmiert, was furchtbar brannte. Die Haare fielen sofort und verursachten schreckliche Schmerzen. Besonders weil wir ein paar Minuten warten mussten, ohne das wir das Zeug abspülen konnten.  In dieser schönen Position erfuhren wir, dass wir in einem Kommando in der Nähe von Lübeck zu arbeiten sollten. Am 20. November morgens fuhren wir mit dem Zug von Priemerburg mit unserem kleinen Bündel, bestehend aus ein paar Keksen und ein paar kleinen Dosen vom Roten Kreuz: 7 kg Kekse bis zum 11. Januar 1918. Als wir am Bahnhof Lübeck ankamen, mussten wir aussteigen und ein Stück gehen. Wir stiegen in ein kleines Boot. 9 km fuhren wir von Lübeck nach Schlutup und erreichten eine Landzunge, wo wir in einer Kaserne in der Nähe des Kais wohnten.

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Und am 11. November 1918 erhielten wir die gute Nachricht. Der Waffenstillstand wurde unterzeichnet, aber wir kannten die Bedingungen nicht. So wussten wir nicht, ob wir gezwungen waren unsere Arbeit fortzusetzen. Aber wir waren nicht mehr so mutlos wie zuvor. Waren vorher 15 krank, waren es jetzt mindestens 60 pro Tag. Am 15. und 16. wir haben wir endgültig aufgehört auf zu arbeiten. Es war vorbei für uns, für diese schmutzigen Kerle zu arbeiten. Schon seit 12. November konnten wir während den Arbeiten ins Bistro gehen um etwas zu trinken und uns frei bewegen in dem Gebiet.  Aber ab dem 16. waren wir dann völlig frei zu gehen wohin wir wollten. Aber wir blieben auf der Hut, denn da war noch die Kaserne mit den Bewaffneten.  Wir blieben dort bis zum 25. November. Als wir abreisten war alles geplündert, alles kaputt, alles durcheinander in den Zimmern. Was wir nicht mitnehmen konnten, haben wir fast alles an Zivilisten verkauft. Dieser Tag war für uns ein echtes Fest, endlich dieses wilde Land zu verlassen. Aber es gab keinen Mangel an Bevölkerung, die zu uns eilte, um uns gehen zu sehen und uns zu verabschieden, Küsse von den Frauen von allen Seiten, wir anderen beim Singen der Marseillaise antworteten: Lebewohl.

Wir kamen am Abend des 25. in Güstrow an. Hier gab es nichts zu essen außer einem Teller Wassersuppe am Tag. Zum Glück konnten wir noch einige, wenige Pakete holen. Zum Kochen nahmen wir die Bretter der Baracke.  So haben wir wenig, aber gut gegessen und dann nichts getan. Ein paar Freiwillige wurden gesucht für Aufgaben im Lager mit einer Rate von 4 Mark pro Tag. Im Camp konnte man frei sein, aber man brauchte eine Genehmigung zum Spazieren durch die Stadt Güstrow.  Aber oft war niemand da um die Berechtigung zu erteilen. Trotzdem gingen Einige an den Wachen vorbei ohne gesehen zu werden. Aber es war riskant, man konnte sich eine Kugel einfangen. Und so ging fast ein Monat vorbei.

Schließlich wurden wir am 22. Dezember informiert, dass es eine Versammlung geben würde. Aber noch wusste niemand, dass es eine erste Abreise geben würde und schließlich wurde ich für diese nominiert. Die Abreise begann sofort, wir hatten gerade noch Zeit eine Suppe zu essen. Uns wurde gesagt, dass wir uns schnell vorbereiten soll, um in 1 Stunde beim Roten Kreuz 1 kg Keks und ein englisches Paket zu erhalten. Anschließend gingen wir zum Bahnhof Priemerburg um den Zug 6 Uhr Abends zu nehmen. Wir waren ganz glücklich, dass es los ging und wir dieses schmutzige Lager von Güstrow verlassen konnten. Wir kamen nach Rostock und stiegen für uns aus dem Zug. Wir kamen um 11 Uhr abends an Bord eines deutschen Schiffes in Warnemünde  und trafen dort Engländer für die Weiterreise.

Wir fuhren auf der Mecklenburg am 23. um 6 Uhr morgens los und sahen Dänemark zwischen 8 und 9 Uhr morgens. Mitten auf dem Meer hier wurden wir in einem kleinen Sturm gefangen, der uns hin und her zu werfen begann, Seite an Seite das gesamte Personal und Gepäck. Und ein großer Teil der Männer kotzte mit jeder Welle auf das Deck, aber das Wasser spülte alles wieder ab. Während unserer Überfahrt haben wir einen Kameraden verloren, der wahrscheinlich wurde von einer Flut getroffen und ins Wasser fiel, was aber niemand sah.  Gegen Mittag wurde es etwas  ruhiger ..... Mit Blick auf die dänische Küste kamen wir gegen 4 Uhr abends in Kophenhagen an. Da wir nicht erwartet wurden, sollten wir noch eine Nacht auf dem Boot bleiben. Aber es gab nicht genug Räume unter Deck, so dass wir gezwungen wären draussen zu übernachten. Aber noch in der Nacht gegen 9 Uhr abends kamen sie, um uns zu sagen, dass wir mit den Engländern auf ein grosses Schiff nebenan umsteigen sollten. Als wir ankamen, erhielten wir eine Mahlzeit, eine englische Mahlzeit, aber sie war reichhaltig  im Verhältnis zum Essen der Deutschen. Es war ein dänisches Schiff, das von den Engländern gechartert wurde, um die Gefangenen zu transportieren. Es war das Passagierschiff Frederick VIII., nun mit englischer Besatzung.

Nachdem wir morgens Tee und um 10 Uhr Suppe getrunken hatten, kehrten wir am 24. um 12 Uhr auf die Mecklenburg zurück, auf der wir ja eigentlich bleiben sollten.
Transportiert wurden wir dann auf einem anderen großen Schiff, das morgens im Hafen angelegt hatte. Es war die Orizaba, ein amerikanischer Hilfskreuzer, der bis zu 4.000 gefangene Menschen nach Cherbourg ins Mutterland Frankreich transportieren konnte.  Wir blieben aber noch in Kopenhagen bis zum 27. Dezember 1918, von wo wir um 15 Uhr abreisten.

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Am 28. Dezember 1918 um 2 Uhr morgens hielt unser Schiff an. Wir alle wussten nicht warum. Erst morgens gegen 10 Uhr sahen wir schliesslich ein kleines Boot. Das Boot hielt an, die Maschinengewehre spucken, die Kanone brüllt und es passierte, dass nach einem Treffer zur gleichen Zeit zwei Minen explodierten oder eine explodierte und fünf versenkt wurden. Die nächste Mine lag etwa 5 Meter von unserem Schiff. So konnten wir mittags dieses Minenfeld passieren.
Dann sind wir auf Hochtouren gefahren, ungefähr 38 km/h. Wir fuhren so am 28. und 29. bis zum Abend gegen 11 Uhr. Da kamen wir in einem englischen Hafen an, wo wir einen Lotsen übernehmen mussten, um die Fahrt nach Cherbourg zu beenden. Dieser englische Hafen, in dem wir Halt machten, war der Hafen von Weymouth. Am 30. Dezember 1918 um 6 Uhr morgens sind wir weitergereist, um die englischen Küsten herum. Tagsüber begegneten wir zwei weiteren Minen auf dem Weg. Wir wurden jedoch von einem englischen Torpedoboot begleitet, der beim ersten Signal beide Minen versenkte. Es folgte uns noch weiter und endlich am Abend um Mitternacht kamen wir in Cherbourg an. In diesem wunderschönen französischen Hafen, in den wir so lange wollten. Wir lagen die ganze Nacht im Hafenbecken und am 31. Dezember 1918 morgens wurden wir abgeschleppt und legten beim Arsenal an, wo wir französisches Land betraten. Von dort gingen wir zum Duschen und uns alle sauber anziehen. Danach wurden wir in ein grosses Refektorium gebracht, wo wir Kaffee und gutes Brot erhielten und 3 Zigaretten, die uns jedem nach dieser Mahlzeit gegeben wurden. Wir marschierten zur Kaserne der 110. Artillerie  Saint Martin des Paillères. Dort haben wir abends ein sehr gutes Essen eingenommen und bekamen sehr gute Betten.

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Transcript der Güstrow und die Überführung in die Heimat betreffenden Stellen aus dem  Carnet de Guerre (Tagebuch des Krieges) von Adrien Larousserie. Enthält auch eine Liste der französischen und belgischen Gefangenen, die für die Erzlöschstelle Schlutup arbeiten mussten, offensichtlich eine Zweigstelle des Hochofenwerkes Herrenwyck - Lübeck-Kücknitz. Bei den im Texte beschrieben Schiffen, die für den Gefangenenrückstransport genutzt wurden, handelt es um die Folgenden:

Der Transport nach Kopenhagen erfolgte auf dem 1903 erbauten Eisenbahnfährschiff Mecklenburg. Es fuhr eigentlich auf der Fährlinie Rostock-Gedser. Diese hatte aber (zumindest von deutscher Seite aus) den Verkehr im Krieg vollständig eingestellt und stand so als Truppentransporter zu Verfügung.

Die Frederick VIII war ein 1914 in Dienst gestelltes Transatlantik-Passagierschiff der dänischen Skandinavien-Amerika Linien. Im November 1918 wurde das Schiff an die britische Regierung verchartert, die damit auf insgesamt 5 Überfahrten 7.500 Gefangene aus Warnemünde, Lübeck und Stettin nach Grossbritannien brachte.

Die USS Orizaba war ein Transportschiff der United States Navy und war im Dezember 1918 kurzzeitig dazu abkommandiert, der französischen Regierung beim Rücktransport von französischen, belgischen und italienischen Gefangenen in ihre Heimatländer zu helfen.