Carl & W. Bohn, Güstrow – Fett, Öl und Farbenfabrik, Neue Strasse 34 - 35

Briefkopf Geschäftspapier mit Firmenansicht - um 1925
Ein weiteres Unternehmen, dass den Industriestandort zwischen den Bahngleisen am BAHNHOF und der NEUEN STRASSE im 20.Jahrhundert prägte, war die sogenannte „Kittfabrik“. Diese umgangssprachliche Bezeichnung beschrieb aber nur einen Teil des Geschäfts.
Am 2. Januar 1907 übernahm der aus Rostock stammende Kaufmann Carl Anton Bohn (1877-1947) das Öl- und Fettgeschäft der Firma Gornitzky, vermutlich gegründet von Moses Gornitzky (1845-1905) in der NEUEN STRASSE 34/35. Zweck der Firma „Gornitzky Inh. Carl Bohn“ war die Belieferung der Landwirtschaft mit Ölen, Fetten, hochwertigen Farben sowie Grundstreichartikeln. Zeitgleich beschäftigte Carl Bohn auch seinen jüngeren Bruder Walter Bohn (1886-1946) im Unternehmen. Beide Brüder waren Söhne des Rostocker Schiffbaumeisters Carl August Hermann Bohn (1838–1915), der gemeinsam mit Ernst Burchard (1843-1917) die Werft Burchard & Co. in Rostock betrieben hatte. Bereits in den ersten Geschäftsjahren wurden die Prokuristen Hermann Koth und Hans Finck eingestellt. Sie waren das ganze Jahr mit Einspännern über Land unterwegs und vertrieben die Firmenerzeugnisse auf Gütern und Bauernhöfen. Am 1. Januar 1913 wurde Walter Bohn Teilhaber des Geschäfts und das Unternehmen firmierte fortan unter „Carl & W. Bohn, Güstrow – Fett, Öl und Farbenfabrik“.
Die Firma entwickelte eine eigene Produktlinie, die unter dem Markennamen „Bohnol" vertrieben wurde:
- Bohnerwachs „Bohnol"
- Autoöle „Bohnol"
- Lederfett
- Lederöl
- Melkfett
Ausserdem wurde mit folgenden Produkten gehandelt:
- Öle (russische und amerikanische Maschinen- und Zylinderöle)
- Fette und Schmierstoffe
- Farben und Grundstreichartikel
- FARBINOL (gesetzlich geschützter Farbanstrich)
- TRANOLIN (wasserdichte Lederschmiere)
- Tran (Klenteer und nordländischer Tran)
- Toiletteseife, Kernseife, Schuhwachs
- Teere und Karbolineum
Der erste Weltkrieg verursachte einen wirtschaftlichen Einbruch, da vor allem zahlreiche Rohstoffe kaum noch erhältlich waren. Die Nachkriegszeit brachte zwar eine kurze Erholungsphase, u.a. wurde das Vertreternetz ausgebaut und der spätere Geschäftsführer Otto Jürgen trat als Expedient in die Firma ein, aber die folgende Inflation ab 1923 wirkte sich auf die ostdeutsche Landwirtschaft aus, die den Hauptkundenstamm bildete. Erst ab 1932 besserte sich die wirtschaftliche Lage, so dass auch das 25-jährige Bestehen der Firma mit einer kleinen Feier im „Hotel Erbgrossherzog“ gefeiert werden konnte. Seit dieser Zeit nutzte die Firma zudem eine Lagerfläche für Betriebsstoffe im Industriegelände, dass über einen Gleisanschluss verfügte. Zu dieser Zeit wurde auch mit Benzin, Benzol und Gasöl gehandelt. In den folgenden Jahren wurde der Fuhrpark der Firma motorisiert. 1934 wurde ein 1-Tonnen-Reisewagen angeschafft, der zu direkten Belieferung der Kunden mit Toilettenseife, Kernseife, Schuh- und Bohnerwachs gedacht war. 1935 wurde das Pferdefuhrwerk durch einen 2,5-Tonnen Blitz-Lastwagen ersetzt und 1936 kam ein Ford-Lastwagen V mit 2,75 Tonnen Nutzlast dazu. Zudem erhielten weitere Vertreter eigene Lieferwagen. Der Beginn des 2. Weltkriegs brachte einen neuerlichen Einbruch. Die Fahrzeuge wurden eingezogen und damit muste auch die Reisetätigkeit eingestellt werden. Zudem wurden die meisten männlichen Angestellten zum Wehrdienst eingezogen. Ende der 1940er Jahre verstarb zudem in kurzer Zeit die Gründergeneration. Eigentlich waren die Söhne von Walter Bohn , Hans und Werner, für die Nachfolge vorgesehen, die ihre Lehrzeit im Geschäft absolviert hatten. Werner Bohn kehrte erst 1946 aus der Gefangenschaft zurück und verliess Güstrow 1949. Hans Bohn fiel in den letzten Kriegstagen. Sein Sohn Hans-Hinrich Bohn ( geb. 1942) absolvierte seine kaufmännische Ausbildung in der Firma „Carl & W. Bohn“, war dann zunächst arbeitender Gesellschafter und von 1969 bis 1972 Geschäftsführer.

1948 wurde die Firma sofort in den Wiederaufbau mit einbezogen, für den nun mit der Produktion von Fensterkitt begonnen wurde, zunächst mit primitivsten Bindemitteln, später mit immer besseren Rohstoffen. Ab 1957 wurden für die Fertigung nur noch reine Pflanzenöle verwendet. Neben der umfangreichen Kittproduktion handelte die Firma hauptsächlich mit Ölen, Fetten, Teeren, Karbolineum und Farben. 1972 wurde das Unternehmen im Rahmen der letzten großen Verstaatlichungswelle in der DDR enteignet und in einen VEB (Volkseigenen Betrieb) umgewandelt — das „VEB Kittwerk Güstrow“. Hans-Hinrich Bohn blieb als Betriebsleiter im nunmehr staatlichen Betrieb tätig. 1975 wurde die Kittproduktion im Zuge der für die DDR typischen Kombinatsbildung an einem anderen Ort zusammengelegt. Den Produktionsstandort in der NEUEN STRASSE 34/35 übernahm nun der „VEB Metallwaren Güstrow“ der hier bis zur Wende Bratpfannen und anderes Aluminiumgeschirr herstellte. Hans-Hinrich Bohn war in diesem Unternehmen als ökonomischer Leiter angestellt, das zum Kombinat Schweriner Metallwaren gehörte. Das Werk wurde 1990 von der Treuhand privatisiert und schliesslich aufgelöst.

Adressbuch der Farben-, Lack-, Firnis- und Kittindustrie sowie der Leim- und Klebstoffindustrie, 1921
Die hier 1921 noch verzeichnete Kittfabrik von Fritz Oelfcke in der FALKENFLUCHT 2 bestand schon 1931 nicht mehr.
Ansicht der Neue Strasse 34-35 vom Oktober 2025 - Bis heute hat sich der Schriftzug "BETRIEBSSTOFFE" am Giebel erhalten.
Carl & W. Bohn, Güstrow1907
Carl & W. Bohn, Güstrow1907
Carl & W. Bohn, Güstrow1921
Carl & W. Bohn, Güstrowundatiert
Carl & W. Bohn, Güstrow1930er Jahre
Carl & W. Bohn, Güstrow1931
Carl & W. Bohn, Güstrow1931
Carl & W. Bohn, Güstrow1930er Jahre
Carl & W. Bohn, Güstrow1931
Carl & W. Bohn, Güstrow1936
Carl & W. Bohn, Güstrow1930er Jahre
Carl & W. Bohn, Güstrow1930er Jahre
Carl & W. Bohn, Güstrow1930er Jahre
Carl & W. Bohn, Güstrow1930er Jahre
Herzlichen Dank an Jens-Olaf Bohn für die Informationen zur Firmengeschichte und das Bildmaterial.
